Es muss ein Ruck durch Chemnitz gehen!

Ullrich Hintzen

Macher der Woche vom 13. August 2014

Betritt man den Unternehmenssitz auf der Marianne-Brandt-Straße, dann hat man sofort eine Idee vom „solaren Bauen“, das sich die FASA AG auf die Fahnen geschrieben hat. Die riesige, nach Süden gerichtete Glasfront nimmt viel Sonnenlicht auf. Soviel, dass das Gebäude 90 Prozent seiner Energie daraus bezieht und deshalb komplett ohne Öl und Gas auskommt. Zunächst nur bei Neubauprojekten, kommt das vielfach ausgezeichnete, deutschlandweit einzigartige Konzept vom ENERGETIKhaus100® inzwischen auch bei der aufwändigen Sanierung von Altbausubstanz in Gründerzeithäusern zum Einsatz. Und nicht zuletzt fällt die solare Architektur ins Auge – und deshalb ist Ullrich Hintzen, Mitbegründer und Vorstand der FASA AG, unser Macher der Woche.


Herr Hintzen, Sie sind ein klassischer Rückkehrer nach Chemnitz …
Ullrich Hintzen:
In der Tat, ich bin 1980 mit meiner damals kleinen Familie hier weg und habe dann lange Zeit in Wiesbaden im Bereich Industrieforschung und Entwicklung gearbeitet und war weltweit tätig. Habe dann gemeinsam mit meinem Bruder kurz nach der Wende die FASA GmbH gegründet, Handelsregisternummer 123. Wir waren also damals einer der ersten gewesen. Ich habe dabei versucht, die Gründung aus der Ferne durch Wochenendarbeit und dergleichen mit zu begleiten. Irgendwann stand dann die Entscheidung, komm ich jetzt zurück in den Osten – also nach Chemnitz wohlgemerkt, Osten ist ja auch Berlin oder Leipzig – oder nicht. Letztlich habe ich mir gesagt, ich geh jetzt mal ein Jahr zur Probe zurück nach Chemnitz und schau mal, ob man es wagen kann. Ich habe einen gutgehenden Job aufgegeben und bin für halbes Gehalt, ganz ohne „Buschzulage“, hierhergegangen und habe versucht, die Firma mit nach vorn zu bringen.

Was hat Sie in dem Jahr dazu gebracht, tatsächlich hier zu bleiben?
In dem Jahr ist auch eine ganz andere Grundsatzentscheidung gefallen. Ich bin nicht zurückgekommen, weil ich nach Chemnitz zurückkommen wollte. Sondern ich bin zurückgekommen, weil ich mich selbstständig machen wollte. Ich komme aus einer Unternehmerfamilie und bei mir war schon immer im Hinterkopf „du musst noch was eigenes machen in deinem Leben“. Da bot sich natürlich Chemnitz mit den angefangenen Aktivitäten an.

Mit diesen Aktivitäten, den meist architektonisch auffälligen Bauten, hat Ihr Unternehmen inzwischen durchaus Eindruck im Stadtbild hinterlassen. An welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?
Grundsätzlich: Wir sind ein Hoch-, Tief-, und Ingenieurbauunternehmen, wobei wir uns auf zwei Felder konzentrieren: Das eine ist der Hochbau und das zweite ist der Ingenieurbau, der nach wie vor bei uns den Löwenanteil ausmacht. Nur 30 Prozent unserer Aktivitäten sind tatsächlich in Chemnitz, den Rest leisten wir bundesweit im Ingenieurbau. In der Stadt errichten wir derzeit eine neue Wohnanlage in der Schloßstraße am Rollenwehr der Chemnitz. Das wird ein sehr interessantes Projekt, da ist gerade die Tiefgarage fertiggestellt. Wir haben weitere Projekte in der Schublade, an der ehemaligen Schloßbrauerei, wo wir schon eine ganze Reihe entwickelt haben, da sind weitere Stadthäuser und Eigentumswohnanlagen geplant.
Ein großes Projekt, das uns schon eine ganze Weile beschäftigt, ist das Poelzig-Areal an der Zwickauer Straße, das wir gemeinsam mit einem Partner umsetzen. Da geht es im September weiter, seit einigen Tagen besteht Baurecht und jetzt bereiten wir die Bauarbeiten vor. Dann wird der alte Kohlebunker wieder hergestellt und durch einen modernen Pavillon ergänzt. Der markante Schornstein wird dabei integriert und soll später als Werbeträger für das Areal genutzt werden. Dort wird ein Sportkompetenzcenter einziehen und es wird ein Eiscafé geben, das direkt am Radweg liegt. Dieser nächste Abschnitt hat ein Bauvolumen von rund einer Million Euro. Parallel läuft natürlich weiter im Hintergrund die Vorbereitung für den großen Komplex - der Poelzig-Bau. Die konkreten Ideen behalten wir aber erst mal noch für uns … (lacht)

Kann man sagen, dass Sie sich mit Ihrem Unternehmen Ihre ganz spezielle Nische gesucht haben?
Nach der Wende gab es irgendwann Probleme mit der Zahlungsmoral. Da haben wir notgedrungen entschieden, dass wir unser eigener Bauträger werden und Projektentwicklung selbst betreiben. Das hatten wir so eigentlich nie vor. Zudem mussten wir uns mit dem Ende des Baubooms Ende der 90er eigene Produkte schaffen und haben überlegt, was kann das sein. Eine Richtung war der Ingenieurbau, der Brückenbau und Lärmschutzbau. Und der zweite Bereich ist das solare Bauen. Darauf liegt im Moment auch der Fokus unserer Entwicklungsarbeit. Dabei betrachten wir alle Gebäudearten unter dem Blick, wie man die energetische Versorgung mit der Sonne organisieren kann – weitgehend, in der Regel zu 90 Prozent. Komplett, also zu 100 Prozent, hieße riesige Investitionen, wir versuchen das aber optimal für Bauherren und Nutzer zu halten. Dabei haben wir den Spruch geprägt „Die Form folgt der Energie“. Sie kennen den Bauhaus-Spruch „Die Form folgt der Funktion“. Wir finden, unser Spruch passt in die heutige Zeit und versuchen so, eine neue solare Architektur zu kreieren.

Begegnen Ihnen dabei Vorbehalte oder Skepsis?
Wir sind mit dem Produkt nicht nur in Chemnitz, sondern bundesweit unterwegs. Nicht bei allen Ämtern, wo wir damit auftreten, gibt es von Beginn an großes „Hurra“, es gibt durchaus auch skeptische Blicke. Meist erläutern wir dann unser Konzept, kommen ins Gespräch – und bislang gab es dann keinen Fall, wo wir dann kein Baurecht bekommen hätten. Manchmal dauert es vielleicht ein bisschen länger.

Passt ihre Architektur demnach ganz gut zu Chemnitz, als „Stadt der Moderne“?
Zum Ersten passt das wirklich ganz gut zu Chemnitz. Zum Zweiten gab es in der Geschichte der Architektur viele Entwicklungen. Wir denken an die Gründerzeit, die wir z. B. auf dem Kaßberg finden. Die Karrees wurden ja in erster Linie gebaut, weil viele Ingenieure, Mitarbeiter, Beamte gebraucht wurden und kostengünstig, aber schön wohnen wollten. So sind die Karrees entstanden mit der optimalen Erschließung. Der ganze Schmuck, der in den Häusern ist und den wir noch heute haben, war natürlich teuer. Dann kam irgendwann der Gedanke des Bauhauses, der wurde anfangs verpönt, es hieß „sieht ja furchtbar aus, viel zu schlicht“. Und wir sagen heute, es muss eine neue Architektur geben, die sich nach der Sonne ausrichtet, die mit der Sonne baut. Und damit wird es da auch neue Architektur geben, die sich auch erst schrittweise durchsetzen wird. Das ist einfach so! Wir sehen das als neue Baugeneration.

Sie nennen die neue Baugeneration ENERGETIKhaus100® bzw. solares Bauen.
Die Idee eines wärmeautarken Gebäudes ist Anfang 2000 gereift. Wir haben uns Partner aus Sachsen gesucht und bis 2005 auf dem Papier ein sogenanntes ENERGETIKhaus100® entwickelt, das einen Deckungsgrad durch die Sonne größer 95 Prozent erreicht. Trotz großem Auftritt auf der Baumesse in Dresden, auf der wir viel Interesse ernteten, wollte es zunächst keiner kaufen. Daraufhin haben wir uns entschieden, ein Musterhaus zu bauen. Das haben wir dann relativ schnell verkauft und so haben wir sukzessive versucht, dieses Produkt an den Markt zu bringen, was aber schwierig war. Mittlerweile haben wir einen richtig guten Standard und bauen 15 bis 20 Häuser dieses Typs im Jahr bundesweit. Wir haben es auch nicht dabei belassen, Einfamilienhäuser zu bauen. Wir fassen alles an, was denkbar ist. Wir gehen unter Extrembedingungen in Berghütten, wir gehen in Altbaubestand – so haben wir in der vergangenen Woche im Schloßviertel ein Mehrfamilienhaus eingeweiht, dass ein Baudenkmal ist und trotzdem 90 Prozent solare Deckung erreicht. In dem Segment sind wir deutschlandweit Marktführer.
Außerdem hat das Unternehmen ein Patent auf eine Gebäudedämmung, die auf Seegras setzt. Auch darauf kommt man vielleicht nicht gleich, wenn man an ein Unternehmen aus hiesigen Breiten denkt.

Wenn Sie mit Ihrer Idee bundesweit unterwegs sind, spielt da Ihre Herkunft eine Rolle?
Es gibt’s tatsächlich manchmal zunächst eine gewisse Skepsis aufgrund der Entfernung und die Frage „Wieso kommt das jetzt aus Sachsen?!“ Das erläutere ich immer damit, dass eine Region, die momentan nicht so einen guten Ruf hat, sich mehr Mühe geben und deutlich mehr leisten muss. Einfach gesagt: In München kauft Ihnen jeder das Satteldach „Sabrina“ ab, der das bezahlen kann. Und hier müssen wir wirklich viel mehr dafür tun, viel mehr leisten, um ein Objekt an den Bauherren zu bringen und ihn von dem Projekt zu überzeugen. Da entsteht ein Zwang, aber er hat den Vorteil, dass eben mehr entsteht als man sonst tun würde. Bis jetzt gelingt das ganz gut.

Hätte die Unternehmensgeschichte woanders genauso funktioniert?
Es gab hier den Vorteil eines riesigen Baumarktes nach der Wende. Daher kommt auch der Name – FASA kommt von Fassadensanierung. Mein erster Eindruck bei der Rückkehr war „soviel grau, soviel Schmutz“. Daher kam die Idee zu einer Firma, die sich mit Fassadensanierung beschäftigt. Letztlich haben wir aber hier auch viele Partnerfirmen gefunden, mit denen wir unser Idee umsetzen konnten.

Auf Ihrer Webseite sind eine ganze Reihe Stellenanzeigen zu finden. Wie überzeugen Sie neue Mitarbeiter von Chemnitz?
Haben wir vor fünf Jahren auf eine ausgeschriebene Bauleiterstelle noch 150 Bewerber bekommen, bekommen wir heute vielleicht noch drei. Da merkt man dass sich da etwas entwickelt und verändert hat. Dennoch bekommen wir gute Mitarbeiter, vielleicht zum Teil ein bisschen älter, aber damit mit viel Erfahrung. Unser Umfeld funktioniert da ganz gut.
Doch Chemnitz braucht auch frisches Blut, es muss noch mehr Jugend nach Chemnitz kommen. Das muss vor allem die Wirtschaft schaffen und die Leute anziehen. Vor einigen Jahren haben wir deshalb auch anderen Unternehmen angeboten Touren mit potenziellen Mitarbeitern und deren Partnern zu machen, um die Stadt zu zeigen. Wie wohne ich hier? Wie teuer ist das? Um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen. Und das sind Standortfaktoren, mit denen man echt wuchern kann in Chemnitz: Chemnitz hat richtig Geschichte. Unglaublich viel Industriegeschichte. Und es hat erhebliches Potenzial. Es gibt eine Vielzahl von interessanten Ansatzpunkten, wo man in Chemnitz was machen kann, gerade auch als Projektentwickler und Bauunternehmen. Das hat man in anderen Städten in dem Umfang nicht. Wenn sie heute nach Berlin oder Dresden gehen ist das erheblich schwieriger, der Wettbewerb ist viel krasser.
Chemnitz dagegen ist noch nicht fertig. Allein, wenn man sich die Zwickauer Straße anschaut. Das Areal, in dem wir uns jetzt befinden, war vor zehn Jahren in einem bedauernswerten Zustand. Ich war überzeugt davon, dass eine Haupteinfallstraße unglaubliches Potenzial besitzt. Das muss man versuchen zu heben. Und ganz entscheidend ist: Man kann an die Stadt glauben. Sonst könnte man hier auch nicht investieren.
Chemnitz hat außerdem vieles von den positiven „Randfaktoren“. Es hat Geschichte, es hat Wirtschaft, die wieder stark im Kommen ist, es hat beeindruckende Kultur und Kunst, es hat viel Grün und es hat ein tolles Umfeld. Ich mache viel Sport und deshalb find ich das Umfeld dafür fantastisch.
Ullrich Hintzen ist passionierter Läufer und Mountainbikefahrer. Nicht nur in und um Chemnitz. Viel im Erzgebirge, Oberwiesenthal. Viele neue tolle Strecken seien dort entstanden. Und einmal im Jahr nimmt er sich eine Alpenüberquerung mit dem Rad vor. Fünf bis sieben Tage müssen reichen.

Wie würden Sie die typische Chemnitz-Stimmung beschreiben?
Das Nörgeln ist so eine Basiseigenschaft, was ja auch Veränderungen hervorrufen kann, wenn der Ansatz stimmt. Leider kommen die positiven Stimmen in Chemnitz etwas zu kurz, das ist einfach so. Aber letztlich ist es doch so: Die Summe der Dinge in Chemnitz ist positiv!

Vielleicht deshalb und sowieso Standardfrage in unseren Interviews: Muss man den Chemnitzern Mut machen?
Das Entscheidende ist: Wir brauchen eine positive Stimmung! Es gab mal die berühmte „Ruck-Rede“ eines Bundespräsidenten. Wir haben das vor Jahren in einer Weihnachtskarte aufgegriffen, weil wir finden auch durch Chemnitz muss ein Ruck gehen. Wir müssen umdenken. Das wäre sehr schön, denn die Stimmung macht 50 Prozent des Geschäftes aus. Entweder man hat Mut zum Investieren oder etwas zu unternehmen oder man hat keinen Mut. Und das entscheidet darüber, ob etwas passiert oder nichts passiert. Die Stimmung ist ganz wichtig. Deshalb wäre es schön, wenn sich die Stimmung in Chemnitz weiter aufhellen würde und noch mehr positive Züge trägt.

Ihr Unternehmen engagiert sich vielfältig. Auch nicht eben selbstverständlich …
Wenn man´s kann, sollte man´s tun. Wir versuchen, an ein paar Stellen was zu tun.

Beispielsweise hier direkt vorm Haus entsteht ein neuer Radweg.
Das war ein schöner Synergieeffekt. Wir haben dieses Areal vor vielen Jahren als Brache gekauft und auch vom Radwegkonzept der Stadt gehört und konnten uns vorstellen, der Stadt Chemnitz den Bereich am Grünzug des Kappelbachs für den Radweg zu schenken, wenn sie sich drum kümmert und das Gebiet entwickelt wird. Letztlich haben wir im Auftrag die Koordination und die Durchführung des Baus übernommen. Das Projekt wurde am Wochenende abgeschlossen und der Radweg freigegeben.

 

Cookie Einstellungen

Wir verwenden auf dieser Website mehrere Arten von Cookies, um Ihnen ein optimales Online-Erlebnis zu ermöglichen, die Nutzerfreundlichkeit unseres Portals zu erhöhen und unsere Kommunikation mit Ihnen stetig zu verbessern. Sie können entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten und welche nicht (mehr dazu unter „Individuelle Einstellung“).
Name Verwendung Laufzeit
privacylayer Statusvereinbarung Cookie-Hinweis 1 Jahr
cc_accessibility Kontrasteinstellungen Ende der Session
cc_attention_notice Optionale Einblendung wichtiger Informationen. 5 Minuten
Name Verwendung Laufzeit
_pk_id Matomo 13 Monate
_pk_ref Matomo 6 Monate
_pk_ses, _pk_cvar, _pk_hsr Matomo 30 Minuten

Datenschutzerklärung von Matomo: https://matomo.org/privacy/