Eine Stadt mit Überraschungseffekt

Stephan Brenner

Macher der Woche vom 22. April 2015

Die große Eisentür der Jakobikirche ist weit geöffnet. Das gotische Kirchenschiff lädt seit 2009 wieder Besucher und Gemeindemitglieder ein, vorher war lediglich ein kleiner Teil der Kirche zugänglich. Schnell hat sich Pfarrer Stephan Brenner für dieses Gotteshaus begeistern können. Aber es ist nur eine von vielen Kirchen, wo er anzutreffen ist. Als Mitarbeiter im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Gemeindeaufbau wirkt er an zahlreichen Projekten rund um das Thema Kirche mit. Im 25. Jubiläumsjahr der Deutschen Einheit kann auch er eine Menge erzählen.


Was ist das Ziel Ihrer Arbeit?
Stephan Brenner:
Ich will das kirchliche Leben in der Öffentlichkeit verdeutlichen. Dafür halte ich Kontakte zu Medien, staatlichen Stellen oder Firmen. In meiner Arbeit geht es auch um Fragen des Gemeindelebens. Zum Beispiel begleite ich Projekte, die etwas Neues in der Kirche ausprobieren wollen und Unterstützung brauchen. Nebenamtlich bin ich Ansprechpartner für Weltanschauungsfragen. Und natürlich halte ich auch wie für einen Pfarrer üblich Gottesdienste, dann aber meistens als Vertretung.

Wir treffen uns heute in der Jakobikirche. Was ist Ihr Bezug zu dieser Kirche?
Die St.-Jakobikirche liegt in meinem Fokus, weil sie als Stadtkirche sehr stark den Auftrag hat, sich für andere zu öffnen. Seit 2009 erstrahlt sie wieder im neuen Glanz. Da das Kirchenschiff im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, konnte es lange Zeit nicht genutzt werden. Heute können wir wieder die gesamte Kirche vorzeigen. Ich gestalte hier Vespern, Gottesdienste und Friedensgebete mit. Zum Stadtfest laden wir zum Beispiel zu einem ökumenischen Gottesdienst ein.

Nach seiner Ausbildung kam Stephan Brenner für eine Pfarrstelle 1981 nach Karl-Marx-Stadt. Er hielt seinen Dienst in der Michaeliskirche. Mit der friedlichen Revolution änderte sich auch sein Berufsweg. Er wurde zum Schülerpfarrer der sächsischen Landeskirche berufen. Trotz seiner Dienststelle in Dresden blieb er in Chemnitz wohnhaft. 1998 kehrte er beruflich in die Stadt zurück, als Pfarrer der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde. Seit 2009 füllt er eine Pfarrstelle im Evangelisch-Lutherischen Kirchenbezirk Chemnitz aus und kümmert sich um Öffentlichkeitsarbeit und Gemeindeaufbau.

Gibt es Projekte, die Ihnen Herzensangelegenheit sind?
Mir liegt der interreligiöse Kontakt sehr am Herzen. Ich versuche in dieser Stadt Verbindungen zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen zu knüpfen. Es gibt einen vierteljährlichen Gesprächskreis und die interreligiöse Stadtrundfahrt in den Interkulturellen Wochen. Ich kümmere mich um Kolumnen in Zeitungen oder um Messeauftritte. Ich engagiere mich natürlich auch für den Friedenstag, bin Mitglied in der Arbeitsgruppe. Es gibt einige kirchenmusikalische Projekte, bei denen ich mitmische. Zum Beispiel der Orgelspaziergang und aktuell die Nacht der Kirchen am 19. Juni. Dieses Mal sind 20 Gotteshäuser unterschiedlicher Konfessionen dabei. Und ich könnte noch mehr aufzählen.

Ist es in Chemnitz einfach, für Kirche zu werben?
Das ist unterschiedlich. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo die Leute nichts gegen die Kirche haben. Sie haben aber mehrheitlich auch nichts mit Kirche zu tun. Es ist nicht so eine Abwehrstellung wie vielleicht noch vor über 25 Jahren. Zu DDR-Zeiten gab es meines Erachtens mehr die Meinung, wir seien mit unserem Glauben Ewiggestrige, und die Wissenschaft sei uns sowieso überlegen. Aber ein Spruch, der nicht von mir stammt, stimmt wohl auch heute: Viele Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Auf der anderen Seite sind mache Leute auch offen und möchten den christlichen Glauben kennen lernen. Ich merke schon, dass der Beruf des Pfarrers für viele rätselhaft ist im Gegensatz zu anderen Berufen.

Welche Argumente haben Sie dafür, dass Kirche heute noch wichtig ist?
Wir merken das an aktuellen Anlässen, wo wir gefragt und gebraucht werden. Die Debatte zum Asyl beschäftigt uns auch. Wir machen zum Beispiel klar, dass das Beherbergen von Anderen eine lange Tradition hat und dass auch die Asylfrage in der Bibel eine Rolle spielt. Gesamtgesellschaftlich nehme ich wahr, dass wir zu bestimmten Zeiten für die Menschen eine wichtige Rolle einnehmen. Advent und Weihnachten sind wiederkehrende Zeiten, an denen die Menschen verstärkt zu uns kommen. Aber auch bei schlimmen Ereignissen, wie ein Flugzeugabsturz oder ähnliches, wird die Kirche zum wichtigen Gedenk- und Versammlungsort. Im Alltag erreichen wir unsere treuen Gemeindemitglieder, unsere Basis, aber keine Mehrheit.

Vor 25 Jahren war die Kirche auch gefragt. Aus den Reihen der Kirche kamen wichtige Persönlichkeiten, die die friedliche Revolution möglich gemacht haben. Waren Sie selbst mit daran beteiligt?
Ich war damals Gemeindepfarrer und war sensibilisiert für die Sorgen und Wünsche der Menschen. Wir haben unsere Kirchen geöffnet. Die Demonstrationen sind unter anderem aus den Kirchen heraus organisiert worden. Hier war ein Ort, wo sich die Menschen versammeln konnten und wo wir über die neusten Entwicklungen berichtet haben. Es gab hier in Karl-Marx-Stadt eine Gruppe von 25 Leuten, die bei dem damaligen Oberbürgermeister am Tisch saßen. Dort wurden verschiedene wichtige Fragen besprochen, wie Wirtschaft, Industrie, Handwerk, Umweltschutz, Bildung...

Welcher Bereich hat Sie besonders interessiert?
Ich selbst war in der Arbeitsgruppe Bildung, weil ich ja als Schülerpfarrer nominiert war. Das war für mich eine doppelte Wende. Nicht nur die gesellschaftliche, sondern auch die persönliche mit einer neuen Tätigkeit.

Wieso war die Kirche damals der Ort für politischen Widerstand?
Die Kirche war im Bewusstsein der DDR-Bevölkerung ein Punkt, der nicht oder kaum staatsverquickt war. Sicherlich gab es noch andere Möglichkeiten, aber wenige. Unter dem Dach der Kirche haben sich schon in den Jahren zuvor Gruppen gesammelt, die kritisch Dinge benannt und besprochen haben. Vor allem im Bereich Ökologie, Gerechtigkeit und Friedensfragen. Oft waren es junge, nicht angepasste Leute, die in kirchlichen Jugendgruppen gearbeitet haben. Die Umweltbibliothek in Berlin ist sehr bekannt geworden. Bei uns gab es den Michaeliskeller, wo sich alternative Jugendliche in Räumen unserer Gemeinde getroffen hatten. Es gab in der Kirche die Möglichkeit, sich kritisch zu engagieren. Das war für die Kirchleitung auch nicht immer einfach. Es war auch ein Spagat und eine innerkirchliche Debatte, ob es unsere Aufgabe ist oder nicht. Viele sprachen sich aber dafür aus, sich politisch einzumischen unter dem Thema Bewahrung der Schöpfung, Gerechtigkeit und Frieden. Nicht zuletzt durch die Friedensgebete in Leipzig wurde klar, dass wir als Kirche gefragt sind. Nach der Wende hat sich diese Rolle zu einem Großteil wieder verloren, weil die Leute nicht mehr auf uns angewiesen waren.

War die Rückbenennung von Karl-Marx-Stadt zu Chemnitz in der Kirche ein Thema?
Das war an sich kein kirchliches Thema. Es gab die unterschiedlichsten Initiativen, unabhängig von der Kirche, die aus dem Boden gewachsen sind. Unter anderem kam die Frage auf: Sollten wir wieder Chemnitz heißen? Es gab eine Initiative aus der Stadtgesellschaft, von der ich in der Zeitung gelesen habe. Es war die Zeit des Umbruchs, als alles anders wurde. Vom Geld, Formularen, dem Schulwesen oder den Steuern. Wir waren die Stadt, wo Leute von einer Straße in die andere, von einer Stadt in die andere und von einem Staat in einen anderen umgezogen sind, ohne einen Koffer packen zu müssen.

Wie war die Stimmung im Sommer 1990, als es um die Umbenennung ging?
Bei dem Ergebnis des Bürgerentscheids hat man ja auch gesehen, dass nicht alle dafür waren. Es gab Leute, die den Namen und die Stadt Karl-Marx-Stadt lieb gewonnen hatten. Es stellten sich auch Fragen wie: Haben wir nichts anderes zu tun? Wieviel kostet das denn, eine Stadt umzubenennen? Für mich war es klar, dass es wieder Chemnitz heißen muss. Es war 1953 eine Zwangsumbenennung und die Wende war eine Gelegenheit, diese rückgängig zu machen. Der Name Chemnitz war schnell wieder bei allem im Bewusstsein.

Endlich wieder Chemnitz – hieß es vor 25 Jahren. Wie erleben Sie die Einstellung der Bevölkerung heute zur Stadt? Muss man den Chemnitzern heute Mut machen?
Mut machen, muss man Menschen, wenn sie in persönlichen Krisen stecken. Klar kann man den Chemnitzer Mut machen, „Ja“ zu ihrer Stadt zu sagen. Ich würde empfehlen, zu dem zu stehen, was hier ist. Es gibt auch Ecken in der Stadt, die nicht vorzeigbar sind. An denen muss man arbeiten. Es gibt aber auch viel Schönes. Und wenn andere komisch gucken, weil man aus Chemnitz kommt, dann sollte man die Leute einfach mal einladen und die schönen Seiten dieser Stadt zeigen. Mit Kritik sollte man weitherzig umgehen. Aber zugegeben, mir gelingt das auch nicht immer.

Was zeigen Sie Gästen von Chemnitz?
In Sachen Tourismus können wir mit Leipzig und Dresden nicht mithalten. Das sollten wir uns klar machen. Das heißt aber nicht, dass wir keine Besonderheiten haben. Wir haben auch tolle Museen, gute Veranstaltungen, starkes bürgerschaftliches Engagement. Ich ärgere mich darüber, dass wir uns immer vergleichen. Wir sollten unser Ding machen. Wenn ich zu einem Vortrag in Kulturzentrum DAStietz einlade oder ins Schlossbergmuseum mit Gästen gehe, höre ich dann oft: Das ist aber toll hier. Das hätte ich ja gar nicht gedacht. Diesen Überraschungseffekt sollten wir uns bewahren.

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