Tierische Erste Hilfe

Tierrettung Chemnitz e. V.

Macher der Woche vom 15. Januar 2021

Wessen Haustier in Not gerät oder wer ein verletztes Wildtier findet, der bekommt in unserer Stadt seit knapp einem Jahr über die Notrufnummer 01573 58 000 22 Hilfe von der Tierrettung Chemnitz. Sie versorgt die Tiere vor Ort und bringt sie anschließend in eine Klinik, zu einem Tierarzt oder einer -ärztin. Sandra Kögel hat den Verein zusammen mit Gleichgesinnten ins Leben gerufen. Als Macherin der Woche berichtet sie von der ehrenamtlichen Arbeit, bei der sie und ihre Mitstreiter täglich zu Einsätzen gerufen werden.


Wie ist der Verein im letzten Jahr entstanden?
Sandra Kögel:
Mit dem Thema Tierrettung bin ich vor 15 Jahren das erste Mal in Kontakt gekommen, da habe ich die Tierrettung Erfurt im PR-Bereich unterstützt. Seitdem war mein Ziel, das hier in Chemnitz auch umzusetzen. Durch verschiedene Aktionen – unter anderem eine Hundesuchaktion Ende 2019 – habe ich einige Menschen kennengelernt, die für diese Idee genauso gebrannt haben wie ich. Also haben wir uns zusammengesetzt, ein Konzept erstellt und am 6. März 2020 haben wir den Verein gegründet.

Etwa 25 Mitglieder zählt der Verein zurzeit, der Großteil sind aktive Mitglieder, die Notrufe entgegennehmen und zu Einsätzen fahren. Im Herbst 2020 hatte der Verein genug Spenden gesammelt, um sich einen gebrauchten Rettungswagen aus der Humanmedizin kaufen und mit den wichtigsten Geräten für die Tiermedizin ausstatten zu können. Seitdem können sie das gesamte Stadtgebiet abdecken. „Wenn allerdings im unmittelbaren Umland von Chemnitz ein Notfall passiert und wir können es in dem Moment zusätzlich stemmen, fahren wir natürlich hin“, erzählt Sandra Kögel. Keines der Mitglieder macht diese Arbeit jedoch hauptberuflich, alle helfen Tieren und Haltern in ihrer Freizeit.

Ehrenamtlich in Ihrer Freizeit – wie teilen Sie Dienste ein?
Aus den aktiven Mitgliedern bilden wir Teams aus jeweils zwei Personen und so versuchen wir, montags bis sonntags von 7 bis 22 Uhr eine Art Bereitschaft abzudecken. Die Zeiten können die Mitglieder selbst wählen. Das hat bisher gut funktioniert.

Wie läuft ein Einsatz ab?
Wenn ein Anruf über unsere Notrufnummer 01573 58 000 22 eingeht, dann erfasst die Leitstelle erst einmal alle einsatzrelevanten Daten. Das heißt, sie filtert, ob es eine akute Notsituation ist, ob wir helfen können oder ob andere Institutionen zuständig sind. Das Bereitschaftsteam, das jeweils aus einem ausgebildeten Tierunfallsanitäter und einem technischen Helfer besteht, wird informiert und fährt zum Einsatzort. Es steht dabei unter ständiger Kommunikation mit der Leitstelle die – wenn erforderlich – weitere spezifische Maßnahmen in die Wege leitet. Wenn es sich zum Beispiel um Wild handelt, das unter das Jagdrecht fällt, muss im Vorfeld das Einverständnis des zuständigen Jagdausübungsberechtigten oder der Unteren Jagdbehörde hier in Chemnitz eingeholt werden.
Am Einsatzort sichert und versorgt das Bereitschaftsteam das Tier. Danach fahren wir es in eine Tierklinik bzw. zu einer Tierarztpraxis. Freigegebene Wildtiere geben wir in eine Pflegestelle oder eine Aufzuchtstation, die sich um die weitere Versorgung des Tieres kümmert. Ist der Einsatz beendet, informiert das Team wiederum die Leitstelle. Es wird ein Protokoll angefertigt und der Einsatz wird intern besprochen, um gegebenenfalls Prozesse zu optimieren und alle aktiven Einsatzkräfte zu informieren.

Wo sitzt Ihre Leitstelle?
Die Leitstelle ist momentan auf vier Personen aufgeteilt. Derzeit gibt es noch keine zentrale Leitstelle am Standort unseres Rettungswagens, aber wir hoffen, dass sich das bald ändert.

Welche Fragen müssen am Telefon beantwortet werden, wenn ein Tierhalter einen Notfall meldet oder jemand ein Tier gefunden hat?
Zuerst muss natürlich die Situation geschildert werden. Um welches Tier handelt es sich? Ist es eine technische Rettung oder eine medizinische Rettung? Wo befindet sich das Tier, das in der Notlage ist? Dann wird darauf basierend entschieden, ob wir die Feuerwehr oder die Polizei hinzuziehen müssen. Das wird alles im Rahmen der Befragung festgestellt.
Wenn es sich um medizinische Notfälle handelt, kommt es darauf an, was der Anrufer meldet. Wenn es zum Beispiel eine Vergiftung ist, werden ganz spezifische Fragen zu diesem Krankheitsbild gestellt: Was hat das Tier aufgenommen? Wie viel hat es aufgenommen? Ist es möglich, den Giftstoff noch zu sichern? Das nennt man Anamnese im Vorfeld. Man fragt zuerst die Symptome ab, ob das Tier Allergien gegen Medikamente hat, ob es bereits Medikamente nimmt, seine Patientengeschichte. Durch die Anamnese versuchen wir, uns ein klares Bild von der Problematik zu verschaffen. Das Bereitschaftsteam fragt vor Ort aber noch einmal alles ab, weil im Erstgespräch durch die Aufregung des Anrufers oft wesentliche Informationen vergessen werden oder die Situation sich vor Ort etwas anders darstellt.

Wie funktioniert die Kommunikation zwischen Ihnen und Tierkliniken bzw. Tierärzten und -ärztinnen?
Bislang haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir von den Tierärzten bzw. Tierkliniken sehr gut angenommen wurden. Wir kündigen uns dort bei einem Einsatz an, bevor wir kommen. Das macht entweder das Bereitschaftsteam direkt vom Rettungswagen aus oder die Leitstelle. Wir geben ihnen Bescheid, welchen Notfall wir einliefern.
Wir selbst sind keine Tierärzte, wir sind eine ambulante Notfallhilfe, also sozusagen die Erste Hilfe. Wir schließen die Lücke zwischen dem Einsatzort und dem Tierarzt oder der Klinik und bereiten das Tier im Rahmen unserer Möglichkeiten auf die Behandlung vor, damit keine wichtige Zeit verloren geht.

Welche Ausbildung benötigt man für die Tierrettung?
Die Grundausbildung ist der Tierunfallsanitäter. Das ist – analog zur Humanrettung – das niedrigste Level. Wir Vereinsmitglieder arbeiten uns gerade durch die anderen Stufen durch: Diejenigen, die die Tierunfallsanitäter-Ausbildung abgeschlossen haben, werden jetzt den Tierrettungssanitäter machen und wenn dieser abgeschlossen ist, den Tiernotfallsanitäter absolvieren.

Nehmen Sie die Ausbildungen selbst vor?
Zum größten Teil machen wir sie nicht selbst, weil wir uns eher noch als Anfänger sehen. Wir machen die medizinische Ausbildung über den Verband Gemeinschaft Deutscher Tierrettungsdienste e. V. Der Verband bietet ein qualitativ sehr hochwertiges Ausbildungskonzept mit Tierärzten und Tierkliniken an. Als Mitglied im Verband können wir von diesen medizinischen und technischen Ausbildungen profitieren.
Wir bilden uns zudem privat weiter, zum Beispiel haben wir uns im Wildgatter mit der Rettung von Wildtieren beschäftigt. Zur Rettung von Pferden besuchten wir im letzten Jahr auch einen Workshop, damit wir die Pferde gemäß ihrem natürlichen Verhalten sichern können, wenn zum Beispiel ein Stall brennt und sie herausgetrieben werden müssen.

Wenn jemand mithelfen möchte, wie kann er oder sie sich bei Ihnen engagieren?
Eine aktive Mitgliedschaft bedeutet im Optimalfall natürlich, mit zu Einsätzen zu fahren. Wir haben allerdings auch Mitglieder, die sich das nicht zutrauen. Sie können dann zum Beispiel als technische Helfer vor Ort sein. Neben der medizinischen Notfallversorgung haben wir uns auch auf die technische Rettung fokussiert. Eine technische Notlage ist es beispielsweise, wenn ein Tier sich irgendwo eingeklemmt oder verfangen hat. Da brauchen wir sachkundige Helfer, die wissen, wie man die Tiere aus ihrer misslichen Lage befreit. Die Mitglieder werden bei uns sowohl in der technischen als auch in der medizinischen Rettung ausgebildet.
Darüber hinaus besetzen wir auch andere Positionen wie die Leitstelle, die in erster Linie die Organisation der Einsätze übernimmt. Neben den Bereitschaftsteams unterstützen uns auch sogenannte "Tiertaxis", die Tiere vom Fundort in die Pflegestellen bringen, wenn Passanten sie bereits gesichert haben. So halten wir den Rettungswagen frei für die wirklichen Notfälle.

Zurzeit können Sie noch keinen 24-Stunden-Dienst anbieten. Ist das geplant?
Unser Ziel ist definitiv, so bald wie möglich einen 24-Stunden-Dienst anbieten zu können. Gerade Verkehrsunfälle passieren in den späten Abendstunden, weil das Wild in erster Linie abends unterwegs ist. Um rund um die Uhr eine Tierrettung gewährleisten zu können, fehlen uns noch einige aktive Mitglieder, die auch Nachtdienste übernehmen können.

Sie bauen außerdem gerade ein Kompetenznetzwerk an Pflegestellen in der Region auf. Wie viele sind bereits beteiligt?
Das Netzwerk umfasst momentan circa 15 Stellen, die jeweils für eine bestimmte Tierart fachkundig sind, zum Beispiel Pflegestellen für Eichhörnchen oder Igel oder Wildvogelstationen. Ohne die Pflegestellen könnten wir unsere Arbeit nicht ausüben. Sie endet eigentlich, wenn das Tier von uns versorgt wurde. Dadurch, dass wir die Tiere selbst nicht aufnehmen, sind wir auf Pflegestellen angewiesen.

Welche Ratschläge geben Sie Haustierhaltern für Notfälle?
Es ist ganz wichtig, dass man im Notfall die Ruhe bewahrt, da es sich sonst auf das Tier überträgt. Ein kühler Kopf bei Tierhalter oder -halterin hilft uns auch, bei der Anamnese einen besseren Eindruck von der Situation zu bekommen.

Was ist zu beachten, wenn jemand ein verletztes Wildtier findet?
Ganz wichtig ist, zuerst einmal die rechtliche Vorgabe zu beachten, denn ein Wildtier darf nicht einfach mitgenommen werden. Wenn es ein Tier ist, das dem Jagdrecht unterliegt, so ist es verboten, es mitzunehmen, auch wenn es offensichtlich verletzt ist. Zuerst muss die Untere Jagdbehörde oder der Jagdausübungsberechtigte informiert werden und eine amtliche Freigabeerklärung erteilen, erst dann darf das Tier vom Einsatzort entfernt und versorgt werden. Sollte es sich bei dem verletzten Wildtier um eine geschützte Art handeln, informieren wir zudem die Untere Naturschutzbehörde.

Haben die Chemnitzer:innen ein Herz für Tiere?
Definitiv! Wir sind absolut überwältigt, welche Resonanz wir auf unsere Rettungswagenaktion und grundsätzlich zur Gründung der Tierrettung seitens der Bevölkerung bekommen haben. Die Chemnitzerinnen und Chemnitzer haben ein sehr großes Herz für Tiere. Dass unser Rettungswagen zum großen Teil aus privaten Spenden finanziert wurde, zeigt, wie tierlieb die Chemnitzer sind.

Was möchten Sie den Chemnitzer:innen noch mit auf den Weg geben?
Wir verteilen Notfallkarten, die man im Portemonnaie mit sich tragen kann. Auf ihnen kann man notieren, wie viele Haustiere welcher Art man zuhause hat. Ob man diese Information über einen handgeschriebenen Zettel oder über eine unserer Notfallkarten mitteilt, ist egal, aber man sollte ihn in der Geldbörse aufbewahren, sodass die Rettungsdienste sofort sehen können, dass Tiere versorgt oder jemand informiert werden muss, der die Versorgung übernimmt. Das ist vor allem für Personen wichtig, die alleine leben, damit sie sicherstellen können, dass das Haustier versorgt wird, solange sie selbst nicht in der Lage sind, das zu tun.

Was sagen Sie dazu, dass Chemnitz Europäische Kulturhauptstadt 2025 ist?
Wir freuen uns darüber und haben schon einige Ideen. Wir haben auf jeden Fall geplant, uns auch einzubringen.

 

Kontakt: https://www.tierrettung-chemnitz.de/
Notrufnummer: 01573 58 000 22

Cookie Einstellungen

Wir verwenden auf dieser Website mehrere Arten von Cookies, um Ihnen ein optimales Online-Erlebnis zu ermöglichen, die Nutzerfreundlichkeit unseres Portals zu erhöhen und unsere Kommunikation mit Ihnen stetig zu verbessern. Sie können entscheiden, welche Kategorien Sie zulassen möchten und welche nicht (mehr dazu unter „Individuelle Einstellung“).
Name Verwendung Laufzeit
privacylayer Statusvereinbarung Cookie-Hinweis 1 Jahr
cc_accessibility Kontrasteinstellungen Ende der Session
cc_attention_notice Optionale Einblendung wichtiger Informationen. 5 Minuten
Name Verwendung Laufzeit
_pk_id Matomo 13 Monate
_pk_ref Matomo 6 Monate
_pk_ses, _pk_cvar, _pk_hsr Matomo 30 Minuten

Datenschutzerklärung von Matomo: https://matomo.org/privacy/